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Highland-Feelings, Kokosduft und schmerzende Füße – drei unerhört sonnige Wochen auf dem Cape Wrath Trail

Drei Wochen, 400 Kilometer durch die ungezähmten schottischen Highlands und ein unerwartet strahlender Rasenhimmel. Begleiten Sie zwei Schwestern auf dem legendären Cape Wrath Trail, wo auf müde Wanderer nicht nur atemberaubende Ausblicke und mysteriöser Kokosduft warten, sondern auch aggressive Midges, kaputte Ausrüstung und die Erkenntnis, dass das Ziel nie der wichtigste Teil der Reise ist.

Veröffentlicht: 19. 6. 2026
1 Min. Lesezeit
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„Schau mal, die anderen sind da drüben! Moment… ist da etwa ein Pfad?!“

„Nicht dein Ernst!“

Ich kniff die Augen zusammen und folgte dem Blick meiner Schwester. Tatsächlich, am Hang auf der anderen Seite des Tals war eine Handvoll kleiner bunter Gestalten unterwegs. Mit Sicherheit die anderen Wanderer, mit denen wir letzte Nacht in Kinloch Hourn gecampt hatten. Und alle schienen sie sich einig darüber zu sein, wo es langging – auch wenn aus dieser Entfernung kein Pfad zu sehen war, dem sie durch die huckelige Heidelandschaft hätten folgen können. „Ich kann nichts erkennen“, meinte ich ratlos. „Ich auch nicht“, antwortete Tina, „aber die scheinen sich ihrer Sache so sicher zu sein. Vielleicht sollten wir vorm Bealach doch noch nach drüben wechseln?

„Bealachs“, so nennt man die hohen, steilen Bergpässe in den schottischen Highlands – und von denen gibt es auf dem Cape Wrath Trail ziemlich viele zu überqueren. Vier Tage war es nun her, seit wir vom Fähranleger in Camusnagaul auf diesen fast schon berüchtigten Fernwanderweg gestartet waren. Weitere 16 Tage lagen noch vor uns. Circa 400 Kilometer sollten wir auf unmarkierter und teils pfadloser Route durch einsame Glens, abgelegene Moore und felsige Höhen zurücklegen, bevor wir schließlich Cape Wrath erreichen würden. Dort oben, am nordwestlichsten Punkt der britischen Hauptinsel, markiert ein Leuchtturm den Endpunkt der Tour. 

Ein echtes Abenteuer also, bei dem man viel über sich selbst lernen und die eigenen Grenzen ausloten kann – genau das wollten wir. Mit der ersten Herausforderung fanden wir uns bereits zu Hause konfrontiert: es gibt nämlich nicht „den einen“ Cape Wrath Trail. Vielmehr handelt es sich um ein Wegenetz mit zahlreichen verschiedenen Varianten. Das macht die Planung zwar erst einmal komplexer, hat aber auch seinen Reiz.

Bei unserer Routenplanung hatten wir beispielsweise darauf geachtet, besondere landschaftliche Highlights mitzunehmen, uns aber auch Schlechtwetterrouten und Abkürzungen offenzuhalten. Wir wollten zudem unbedingt am Städtchen Ullapool vorbeikommen, um dort einen Pausentag einzulegen und unseren Proviant aufzufrischen. Außerdem hatten wir versucht, zwar ein paar längere pfadlose Abschnitte zu integrieren, aber nicht zu viele. Wir waren sicher, dass die Tour uns auch so schon genug abverlangen würde. 

Auf dem allerersten dieser besagten Abschnitte befanden wir uns gerade und mussten uns erst einmal sortieren. Wie viel Arbeit so ein Pfad einem eigentlich abnimmt, merkt man erst, wenn keiner mehr da ist. Nach kurzer Unentschlossenheit und Diskussion gaben wir schließlich unseren ursprünglichen Plan auf und querten das Tal, um es den anderen Wanderern gleichzutun. Drüben kam dann die Ernüchterung: „Nee, der Pfad hat schon vor einer ganzen Weile aufgehört. Seitdem macht einfach jeder, wie er denkt, glaub‘ ich“, meinte ein gut gelaunter Landsmann, dem wir auf unserer Suche in die Arme gelaufen waren. Wir nahmen es mit Humor und bahnten uns stoisch unseren eigenen Weg steil aufwärts durch die Heide. Uff! Zum Glück war der Proviant fast leer und unsere Rücksäcke relativ leicht.

Auf dem Pass wurden wir mit einem gigantischen Ausblick belohnt, der jedes bisschen Anstrengung wert war: hoch oben zu unserer Linken kratzten die scharfen Felskanten der Forcan Ridge am glasklaren blauen Himmel und nördlich von uns konnten wir in der Ferne sogar die Bergkette der Five Sisters of Kintail bewundern.

Absolutes Hochgefühl! Die Anzahl an Tagen im Jahr, an denen hier oben so eine Sicht herrscht, ließe sich vermutlich an einer Hand abzählen. Nach kurzer Pause mit Panoramablick machten wir uns, nun wieder auf klaren Pfaden, an den langen Abstieg zum Campingplatz von Shiel Bridge, wo wir erleichtert unser Versorgungspaket entgegennahmen. Beim Versand aus Fort William war also alles glattgegangen. Danach genossen wir die Annehmlichkeiten der Zivilisation (vor allem die Duschen) und ließen den Abend mit einem Schluck Whisky ausklingen, den unser freundlicher schottischer Zeltnachbar uns spendierte. Leicht angetüdelt und hochzufrieden ging es nach dieser netten Begegnung schließlich ab in den Schlafsack. Der erste Abschnitt unserer Tour war bereits geschafft! Kurz vorm Wegnicken, ließen wir die letzten paar Tage noch einmal Revue passieren.

Im Rhythmus der Highlands

Von Camusnagaul nach Shiel Bridge

Wie so oft zu Beginn einer Tour, tauchten wir auch auf dem Cape Wrath Trail zunächst wieder in dieses ganz andere Leben ein, dessen Abläufe und Prioritäten nur wenig mit dem Alltag in der Zivilisation gemein haben. Landschaft, Wetter und die eigene Kondition gaben nun den Rhythmus vor und wir lernten, uns ihm anzupassen. Als wäre sich der Cape Wrath Trail dieser Umstellung bewusst, entließ er uns am ersten Tag ganz behutsam und Stück für Stück aus der Zivilisation in die raue Landschaft.

Kaum waren wir losgelaufen, kamen wir auch schon mit dem ersten Mitwanderer ins Gespräch: Wes war ebenfalls auf dem CWT unterwegs, aber ultraleicht und deutlich schneller als wir. Ein paarmal sollten wir ihn jedoch noch einholen, bevor er uns endgültig abhängte. Es war eine jener freundlichen Bekanntschaften, wie sie auf dem Trail so oft entstehen, und die einem trotz ihrer Flüchtigkeit besonders in Erinnerung bleiben. 

Auch ansonsten hielt der erste Tag wieder viele „Firsts“ für uns bereit: die erste Mittagspause mitten im Nirgendwo, der erste Lageraufbau der Tour, das erste Bad im eiskalten Fluss, das erste Mal bibbernd in den Schlafsack kriechen. Alles war wieder neu und aufregend. 

Am nächsten Tag sorgte das berühmte Glenfinnan-Viadukt mitsamt Besucherzentrum noch einmal für einen kurzen Ausflug zurück in die Zivilisation, doch wenig später hatten wir das Gewusel wieder hinter uns gelassen und die Wildheit der Highlands wurde stetig greifbarer. Rauer Wind und matschige Pfade begrüßten uns in den höheren Lagen und schon gab es die ersten nassen Füße – noch konnte uns diese Ruppigkeit aber nur beflügeln. Außerdem wussten wir, dass es noch viel schlimmer hätte sein können, denn das Frühjahr war bisher sehr trocken gewesen. Wie trocken würde uns erst später klar werden.

An Tag drei schnupperten wir Meeresluft, denn es ging hinunter zum Loch Nevis. Nach unserem Abstieg in die malerische Bucht des Gezeitenlochs machten wir eine Pause am wunderschön gelegenen Bothy Sourlies. An der unbewirtschafteten Berghütte genossen wir ein wenig die Sonne und amüsierten uns über eine paar Rehe, die am Strand herumstromerten. Irgendwie ein kurioser Anblick: Sand, Seetang, Muscheln und mittendrin Bambi. Im benachbarten Tal schlugen wir unser Zelt auf und verkrochen auch schon bald darin, um der abendlichen Kälte und den ersten wenigen Midges zu entfliehen. Noch traten die fiesen kleinen Stechfliegen zum Glück nur vereinzelt auf, ganz im Gegensatz zu den Zecken. Die waren nicht nur in Heerscharen unterwegs, sondern auch noch so winzig klein, dass man sie mit bloßem Auge kaum erkennen konnte. Baby-Zecken, vielleicht?

So oder so gehören eben auch die weniger glamourösen Aspekte zum Trekking dazu, seien es Nanozecken, Stinkesocken, der allmorgendliche Spaziergang mit dem Schäufelchen in der Hand, oder vereinzelte Niederlagen im Kampf gegen die Schwerkraft. So absolvierte Tina an Tag vier den ersten hollywoodreifen Sturz der Tour: an einer steilen, matschigen Böschung verlor sie das Gleichgewicht und landete in hohem Bogen und mit dem Gesicht voran im Moos. Zum Glück blieben außer nassen Knien und etwas Lachmuskelkater keine Schäden zurück.

Apropos Schäden: auch die ersten Schmerzen machten sich bereits ab und zu bemerkbar. Auf einem besonders anstrengenden Abschnitt am Ufer des Loch Hourn entlang, meldeten sich meine Schultern unangenehm zu Wort. Tina hatte auf den steilen Abstiegen immermal mit ihrem Knie zu tun. Die düster-romantische Schönheit der Landschaft lenkte uns jedoch ziemlich effektiv davon ab.

Je weiter wir kamen, desto mehr passten wir uns dem Rhythmus der Highlands an und desto mehr verschwammen die Maßstäbe des Alltags. Tage wurden weniger in Stunden gemessen als in Kilometern, Bealachs und Glens. Wandern, essen, trinken und schlafen waren so ziemlich unsere einzigen To-Dos. Wir waren im Unterwegssein angekommen und das Leben hier war simpel und überschaubar. Nicht auf eintönige, sondern eher auf friedliche Weise. 

Kein Wunder, dass nach unserer Ankunft in Shiel Bridge eine Dusche, eine Tüte Chips vom Kiosk und ein nettes Pläuschchen bei einem Schluck Whisky ausreichten, um uns vollkommen seelig zu machen. Gespannt darauf, was der Cape Wrath Trail noch alles für uns bereithalten würde, schliefen wir ein.

Mysteriöser Kokosduft, echte Ritter und kaputte Isomatten

Von Shiel Bridge nach Ullapool

Frisch geduscht, mit sauberer Kleidung und aufgestocktem Essensvorrat im Gepäck verließen wir am nächsten Morgen Shiel Bridge. Die Erleichterung über das erfolgreich eingesammelte Versorgungspaket erhielt einen leichten Dämpfer, als sich das Mehrgewicht auf unseren Schultern bemerkbar machte. Zum Glück hielt dieser Tag ein Highlight bereit, auf das wir schon seit der Planung besonders gespannt waren: die Falls of Glomach.

Der Weg führte zunächst gemächlich am Loch Duich entlang, wo wir uns am Wee Bun House ganz nach Hobbit-Art ein herzhaftes zweites Frühstück gönnten – man durfte den Kalorienbedarf auf solchen Touren schließlich nicht unterschätzen! Schon bald ließen wir die Zivilisation hinter uns und tauchten erneut ein in die wilde Landschaft. Die Falls of Glomach übertrafen all unsere Erwartungen. Über 100 Meter stürzte hier das Wasser mit lautem Tosen in die Tiefe, gerahmt von schroffem Fels und nahezu vertikalen grünen Hängen. Bei gutem Wetter und klarer Sicht konnten wir dieses Naturschauspiel ausgiebig genießen, bevor wir uns schließlich losrissen und an den Abstieg machten. Der hatte es in sich und wir konnten nachvollziehen, warum bei schlechten Witterungsbedingungen von dieser Route abgeraten wird.

Unten angekommen zeigte uns Glen Elchaig eine ganz neue Seite der Highlands. Die Sonne brannte vom Himmel, Ginsterbüsche leuchteten in sattem Gelb und in der Luft lag ein angenehm süßlicher Geruch, der uns irgendwie bekannt vorkam. „Sag mal, riecht’s hier nach Kokos?“, fragte ich ungläubig. Der Schnuppertest am nächsten Ginsterstrauch brachte die Auflösung: es waren die gelben Blüten, die den mysteriösen Kokosduft verströmten. Dieser tropische Hauch begegnete uns von da an immer wieder, vor allem an besonders warmen Tagen. Eine wilde Mischung aus schottischer Wildnis und Südsee.

Natürlich waren nicht alle Tage so spektakulär und auch die Motivation nicht gleichbleibend hoch. Manchmal wachten wir morgens schlapp und lustlos auf und trabten dann eher stoisch voran, während die Kilometer zäh und stockend unter unseren Füßen dahinflossen. Einer dieser Tage bescherte uns dafür eine der witzigsten Begegnungen der gesamten Tour. Am Maol Bhuide Bothy, das uns mit seiner Gemütlichkeit und malerischen Lage nach nur 8 Wanderkilometern zum Bleiben verleitet hatte, trafen wir auf Lindsay. Sie war im Rahmen der TGO-Challenge unterwegs und reiste in Begleitung eines echten Ritters: Sir Dave the Beaver.

Sir Dave war ein liebevoll geflickter Plüschbiber im maßgeschneiderten Strickpullover, dessen Abenteuer offenbar längst Legende waren (siehe Sir Daves Facebookseite). Während die Sonne über dem Moor langsam tiefer sank, lauschten wir den Anekdoten über Daves Ritterschlag und Lindsays vergangene Expeditionen. 

Am nächsten Tag trennten sich die Wege wieder. Lindsay und Sir Dave zogen nach Westen in Richtung Küste, während wir unseren langen Marsch nach Norden fortsetzten. Hoch oben über Achnashellach tauchten erstmals die beeindruckenden Massive der Torridon Range am Horizont auf und gaben uns einen Vorgeschmack auf den nächsten Tag. Wieder einmal ein Ausblick, der uns bei normalen Wetterbedingungen wahrscheinlich verwehrt geblieben wäre.

Überhaupt sahen wir uns in diesen Tagen immer häufiger mit der ungewöhnlichen Trockenheit konfrontiert. Seit Monaten hatte es in Schottland kaum geregnet. Flüsse, die normalerweise ernsthafte Hindernisse dargestellt hätten, ließen sich mühelos durchfurten. Der Carron beispielsweise, vor dem im Wanderführer ausdrücklich gewarnt wurde, plätscherte friedlich zwischen trockenen weißen Kiesbänken dahin. Diese Bedingungen machten uns das Vorankommen oft einfacher – dafür waren wir einerseits dankbar, fühlten uns andererseits aber nicht ganz wohl dabei, auf diese Weise von einer Dürre zu profitieren.

Fast wie zum Ausgleich machte sich dafür die körperliche Belastung zunehmend bemerkbar. Meine Schultern spielten nun öfter auf und nach mehreren besonders steilen Abstiegen protestierte auch Tinas Knie immer häufiger und schmerzhafter. Das tägliche Auf und Ab mit schwerem Rucksack verlief eben nicht nur auf weichem federndem Torf, sondern auch oft auf hartem steinigem Untergrund und grobem Schotter. Und der setzte unseren Füßen ganz schön zu.

So auch am Abend unserer Ankunft am Ben Eighe. Alle beide mussten wir auf den letzten Kilometern die Zähne zusammenbeißen, doch wir wussten, es würde sich lohnen. Schon von weitem dominierte der markante Berg die Landschaft. Als wir die Nordseite des Massivs erreichten, waren alle Schmerzen vergessen, so episch war der Anblick, der sich uns bot. Von der Abendsonne angestrahlt ragten aus den gewaltigen Felswänden drei steinerne Türme fast senkrecht empor – die berühmte Triple Buttress. Im Kessel unterhalb lag ein stiller Bergsee, aus dem sich ein Wasserfall ergoss. Und das Beste daran: Wir hatten all das ganz für uns allein! Kein anderer Mensch, kein fremdes Zelt war weit und breit zu sehen.

Immer wieder hielten wir in unserer Routine inne, um ehrfürchtig die Kulisse zu betrachten, in der wir an diesem Abend als Einzige lagern durften. Einen so tollen Ausblick hatten wir beim Zähneputzen wohl noch nie gehabt.

Auf dieses Hoch folgte gleich am nächsten Morgen ein unschönes Tief. In Tinas Isomatte hatte sich eine Beule gebildet – ein sogenannter Blow-Up, verursacht durch eine gelöste Kammertrennung. Noch war es nicht allzu dramatisch, doch das sollte sich bald ändern. Nach einem langen, heißen Abschnitt durch pfadlose Heidelandschaften und über einen weiteren steilen Pass, gönnten wir uns in der großartigen Kinlochewe Service Station ein ausgedehntes Siegesgelage mit Cheese Toasties und eiskalter Cola. In der brütenden Abendhitze suchten wir uns anschließend einen einigermaßen geeigneten Zeltplatz. Die Erschöpfung machte uns genügsam.

Beim Lageraufbau dann das Fiasko: Gleich mehrere weitere Blow-Ups erschütterten Tinas Matte mit lautem Knall. Die Beule war nun so groß, dass man kaum noch darauf liegen, geschweige denn erholsam schlafen konnte. Als Schreck und Frust einigermaßen verdaut waren, experimentierten wir mit unterschiedlichen Luftmengen und zweckentfremdeten Sitzkissen für zusätzliche Isolation. Viel mehr blieb uns nicht übrig. Noch zwei Nächte trennten uns von Ullapool, wo wir hoffentlich eine neue Matte würden kaufen können.

Auch der nächste Tag begrüßte uns wieder knallewarm und sonnig. Das schöne Wetter, zu dem uns alle Einheimische stets gratulierten, brachte seine eigenen Herausforderungen mit sich. Auf Hitze und durchgehenden Sonnenschein waren wir ausrüstungstechnisch nicht gerade optimal vorbereitet und die baumlose Landschaft bot kaum Schatten. Tina sehnte sich ihren Bucket Hat als zusätzlichen Sonnenschutz herbei und auch ich wünschte mir mehr als einmal, meine schwarze Trekkinghose gegen eine leichte Leinenhose tauschen zu können. Wann immer es ging, kühlten wir uns darum in glasklaren Flüssen und Pools ab.

Viele dieser Stellen wären bei normalem Wasserstand vermutlich zu gefährlich gewesen – und bei typisch schottischem Wetter auch um Einiges weniger einladend. Für uns wurden sie nun zu Oasen, die uns erfrischt einschlafen oder motiviert weiterziehen ließen –durch von Kokosduft erfüllte Ginsterhaine und sanfte Hügel, die plötzlich den Blick auf neue Bergketten freigaben.

Als wir schließlich das Shenavall Bothy am Loch na Sealga erreichten und unser Zelt aufschlugen, war die Vorfreude auf Ullapool riesig. Der Gedanke an eine neue Isomatte und ausgiebige Körperhygiene machte uns am nächsten Tag geradezu unaufhaltsam.

Und dann war es auch schon geschafft. Kaum hatten wir nach dem letzten Abstieg den Daumen am Straßenrand rausgehalten, sammelte uns auch schon eine freundliche Engländerin namens Claire ein und brachte uns in ihrem Wohnmobil bis ins Zentrum von Ullapool. Juhuu! Zum Glück gab es einen Outdoorladen und schon bald hielten wir die Ersatzmatte in Händen. Duschen und Wäsche waschen auf dem Campingplatz sowie der anschließende Restaurantbesuch fühlten sich an wie purer Luxus.

Die große Euphorie des Tourbeginns war inzwischen etwas abgeflaut. Schon längst hatte uns die Realität von hinten auf die Schulter getippt und daran erinnert, was Trekking außer Abenteuer, Freiheitsgefühlen und Naturnähe noch alles bedeutete: nämlich Tag für Tag weiterzugehen, auch unter Schmerzen, auch mit kaputter Ausrüstung und nach schlafarmen Nächten. Auch wenn man eigentlich keine Lust hatte. „Aber morgen“, dachten wir, „morgen erstmal nicht.

„Echte“ Thru-Hiker nennen’s Zero Day

Pausentag in Ullapool

Wäre es durch den strahlenden Sonnenschein nicht irgendwann zu warm im Zelt geworden, hätten wir am nächsten Morgen sicher noch ewig herumgelegen. Gerade Tina hatte schließlich einiges an Schlaf nachzuholen. So trieb es uns jedoch hinaus. 

Bei einem ausgiebigen Frühstück in einem kleinen Café direkt am Campingplatz gingen wir unsere To-Dos durch: Provianteinkauf, Gaskartusche austauschen, Postkarten schreiben und nach einem Rucksack-Shakedown überflüssige Ausrüstung nach Hause schicken. Zum ersten Mal waren wir lang genug unterwegs, dass all diese Dinge notwendig wurden – da kam richtiges Thru-Hiker-Feeling auf. Den halben Tag brachten wir damit zu, kreuz und quer durch das sympathische Städtchen zu schlendern und unsere Liste abzuarbeiten. Am Ende hatten wir laut Fitness-App gut 7 Kilometer zurückgelegt – konnte man das wirklich als Zero Day bezeichnen?

Die Anstrengung der letzten Wochen steckte uns spürbar in den Gliedern und machte den Gedanken an einen weiteren „richtigen“ Pausentag in Ullapool unglaublich verlockend. Dass wir standhaft blieben, war überwiegend Tinas Verdienst: sie mahnte, dass wir gegen Ende der Tour in Zeitstress geraten würden und fürchtete, dass uns der Aufbruch aus Ullapool mit jedem Tag nur noch schwerer fallen würde. Da hatte sie vermutlich Recht, also verwarfen wir die Idee schnell wieder.

Als alle Erledigungen abgehakt waren, gab‘s als Belohnung eine Riesenportion Fish and Chips zum Abendessen und einen wunderschönen Sonnenuntergang am Loch Broom. Wir suchten uns am Ufer ein paar flache Steine und ließen sie über die ruhige Wasseroberfläche hüpfen. Beide sahen wir der letzten Etappe unserer Reise mit gehörigem Respekt entgegen. Doch noch in einem anderen Punkt waren wir uns einig: Aufgeben kam nicht in Frage.

Der lange Marsch zum Leuchtturm

Von Ullapool nach Cape Wrath

Nach diesem kleinen Reboot in Ullapool starteten wir wieder wohlriechend und mit neuem Proviant auf den letzten Abschnitt unserer Tour. Sieben Tage lagen noch vor uns, wenn alles nach Plan verlief.

Die ungewöhnliche Hitze hielt an. In den sonnigen Glens ging oft kaum ein Lüftchen. Selbst die Schafe lagen regungslos auf den wenigen schattigen Flecken, die die Landschaft zu bieten hatte.

Gleichzeitig erstarkten unter diesen Bedingungen die gefürchtetsten Geschöpfe der schottischen Highlands: die Midges. Noch traten sie zwar nicht in dichten schwarzen Schwärmen auf, aber um uns gründlich die Mittagspause zu versauen, waren es schon ausreichend viele. In den nächsten Tagen wurden sie immer aggressiver und zahlreicher. An abendliches Ausspannen vorm Zelt oder ans Frühstücken war oft kaum zu denken. Aber hey, dafür erreichten wir neue Rekordzeiten beim Zusammenpacken! Unsere Midge-Netze waren hierbei lebensrettend.

Auch der körperliche Verschleiß nahm zu. Meine Füße schmerzten mittlerweile bei fast jedem Schritt. Zu Hause sollte sich herausstellen, dass ich mir eine Plantarfasziitis eingehandelt hatte. Selbst die tolle Landschaft vermochte mich kaum noch abzulenken. Tina ging es ähnlich. Wie wir eines Abends völlig fertig im Schlafsack lagen, rätselten wir, warum dieser Trail so viel schmerzhafter war als unsere Tour durch die Hardangervidda im Jahr zuvor. Lag es an der Distanz? An der Wegbeschaffenheit? Oder hatten wir einfach abgebaut? Der Leuchtturm fühlte sich in diesem Moment jedenfalls unerreichbar fern an. Frustriert teilten wir uns den letzten Rest Whisky aus unserem Flachmann und schliefen schnell ein.

Natürlich gab es trotzdem weiterhin schöne Momente. Zum Beispiel das gemütliche Schoolhouse Bothy, in dem ich so gut schlief, dass Tina mich am nächsten Morgen kaum wach bekam. Das dekadente zweite Frühstück im Oykel Bridge Hotel. Erfolgreich gemeisterte Pfadlosigkeit. Oder auch den Abend am wunderschönen Loch Glencoul, wo wir unser Zelt mit Blick aufs Wasser aufschlugen und erschöpft, aber stolz beim Sonnenuntergang unser Abendessen genossen. 

Diese Lichtblicke trieben uns an, durch Heide hindurch, vorbei an Lochs und auf immer neuen gnadenlosen Schotterwegen entlang gen Norden.

Irgendwann durchquerten wir ein Moor, dem die Dürre anscheinend nicht viel ausgemacht hatte. Unschlüssig, ob wir das gut oder schlecht finden sollten, hüpften wir von Grasinsel zu Grasinsel und versuchten, auf dem wackelpuddingähnlichen Boden nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ein paar Lochufer und eine Flussquerung später spuckte die Wildnis uns plötzlich auf eine Straße mit Meerblick aus: wir waren in Rhiconich angekommen. Einer der letzten Ortschaften vorm Kapp. Wir waren fast da!

Die Stimmung drehte sich fast augenblicklich um 180 Grad. Zum ersten Mal wurde der Gedanke an unsere Ankunft am Leuchtturm konkret und greifbar. 

Mit neuer Motivation und bester Laune schlugen wir unser Zelt auf, und zwar genau hinter der örtlichen Polizeistation. Dort gab es einen grasigen Huckel mit wunderschöner Aussicht aufs Meer –der vermutlich sicherste Zeltplatz der Welt und dank starkem Wind fast zu 100% midgefrei. Was will man mehr? Wir genossen unsere Aussicht und sahen uns schon am Leuchtturm feiern.

Der vorletzte Tag hielt viel Asphalt bereit, aber das störte uns nicht. Der Wind war frisch, die Ausblicke schön und unsere Moral hoch. Heute würden wir endlich Sandwood Bay sehen! Auf dem Weg dorthin deckten wir uns mit Chips, Schokolade und Limo ein, später kamen noch Siegesbierchen für die Ankunft am Leuchtturm hinzu. Der freundliche Verkäufer gratulierte uns schon mal vorsorglich.

Schließlich wurde der Weg sandiger, die Luft salziger. Und plötzlich lag sie vor uns.

Sandwood Bay.

Ein weiter, heller Strand begrenzt vom blauen Atlantik auf der einen und einem Süßwassersee auf der anderen Seite. Das blassgrüne Gras der Dünen tanzte im Wind. Wir erkundeten die herrliche Bucht, übten den Dune-Walk und suchten uns ein geschütztes Zeltplätzchen, nahe unseres morgigen Aufstiegspunktes. Dann hieß es ab ans Wasser, solange die Sonne noch Wärme spendete. Wir genossen es, einfach nur sein zu können, ohne Kilometer zu zählen oder vor Midges zu fliehen. Es war der perfekte Ort für den letzten Abend.

Am Morgen des großen Finales klingelte der Wecker bereits um 5 Uhr. Obwohl nur noch ca. 11 Kilometer vor uns lagen, war uns mulmig zumute. Die letzte Etappe fühlte sich wie ein unüberwindbares Hindernis an, denn sie würde uns komplett pfadlos durch das moorige Gelände auf der Steilküste führen. Zudem gingen wir beide längst auf dem Zahnfleisch, sowohl in körperlicher als auch in mentaler Hinsicht. Aber wir waren so weit gekommen – das würden wir nun auch noch schaffen! 

Anfangs taten wir uns schwer mit der Navigation. Das Gelände, das uns nach dem Aufstieg aus der Bucht begrüßte, war unübersichtlich und wir in unserer Erschöpfung wenig entscheidungsfreudig. Als wir schließlich Karte, Kompass und unseren Stolz beiseitelegten und stur dem GPS-Track folgten, kamen wir deutlich besser voran. Bald schon erreichten wir die Grenze zum Militärübungsgebiet. Es wehten keine roten Warnflaggen im Wind. Wie angekündigt. Wir konnten also passieren. Hier und da klafften alte Einschlagstellen von Kampfgeschossen wie offene Wunden in der kargen Landschaft, die sich hiervon nur langsam zu erholen schien.

Von einer Anhöhe aus konnten wir ihn schließlich erstmals sehen: den weißen Leuchtturm von Cape Wrath. Vom Blick auf die Ziellinie angespornt, bewegten sich unsere Beine ab da fast wie von selbst, sodass wir schon bald die Straße zum Leuchtturm betraten. Lachend und herumalbernd nahmen wir die letzten paarhundert Meter bis zum Ziel.

Geschafft!

Drei Wochen nach unserem Start in Camusnagaul standen wir tatsächlich am nordwestlichsten Punkt des britischen Festlands.

Natürlich wurde gefeiert – mit IPA, Turmat und einer heißen milchigen Tasse Tee aus dem Café Ozone. Wir verewigten uns im Gästebuch, wie schon so viele Wanderer vor uns. Gespannt durchblätterten wir die letzten Seiten auf der Suche nach einem ganz bestimmten Eintrag und wurden fündig: Wes hatte es tatsächlich innerhalb von 14 Tagen geschafft! Respekt.

Doch je länger wir dort saßen, desto nachdenklicher wurde ich.

Die Ankunft hatte sich anders angefühlt, als ich erwartet hatte. Weniger überwältigend. Weniger triumphal. Wir hatten doch wochenlang genau auf diesen Moment hingearbeitet. Warum fühlte er sich dann nicht wie der eigentliche Höhepunkt an?

Kurzer Trubel verursacht durch die Ankunft des Minibusses lenkte mich ab. Wie sich herausstellte, war auf der letzten Fahrt des Tages kein Platz mehr für uns. Also schlugen wir noch ein letztes Mal unser Zelt auf, erkundeten die Gegend und genossen den Müßiggang.

Während wir auf den windigen Klippen saßen und zusammen auf das tiefblaue Meer hinausschauten, dachte ich an die letzten Wochen und all ihre Höhen und Tiefen. An die Schmerzen, die Hitze und die Midges. An die Menschen, denen wir begegnet waren. An die gemeinsamen Entscheidungen, die Krisen, die Erfolge und all die schönen und lustigen Momente.

Das war es wohl, was dieser ganzen Sache ihre Bedeutung gab: dass wir all das gemeinsam erlebt hatten. Nicht die Ankunft am Cape Wrath.

Sondern den Weg dorthin.

Hi, ich bin Lydia! :) Zum Glücklichsein brauche ich eigentlich nur einen gepackten Trekkingrucksack und einen Pfad durch die Natur – der Trail bedeutet für mich Freiheit, Abenteuer, aber irgendwie auch ein zweites Zuhause. Im Alltag bin ich am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs, jogge eine Runde, oder finde irgendeinen anderen Grund, um rauszugehen.

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