Unter dem Begriff Sudeten stellen sich die meisten von uns wohl den Böhmerwald oder das Erzgebirge vor. Ich nehme euch heute aber mit auf eine Radtour an Orte, an denen ihr die Sudeten vermutlich nicht erwarten würdet.
Wir starten im Herzen Mährens, an der Bečva, und fahren durch die vergessene, aber wunderschöne Gegend von Potštátsko und Odersko. Wir werden nicht nur „bolzen“ und KOMs hinterherjagen. Im Gegenteil: Heute machen wir daraus einen Ausflug in die bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und keine Sorge: Wir sammeln etwa 1200 Höhenmeter und fahren 90 Kilometer, also geschenkt wird es nicht.
Unsere Runde beginnt in Lipník nad Bečvou. Wir passieren moderne Barrieren in der Landschaft: den Eisenbahnkorridor und die Autobahn D1. In Loučka biegen wir rechts nach Podhoří ab, wohin uns ein schöner neuer Asphalt bringt. Direkt im Dorf weckt eine kurze Rampe nach leichtem Einrollen unsere Beine. Und ja, der bewaldete Hügel zur Linken ist hier nicht bloß zur Zierde. Kurz hinter Podhoří biegen wir links nach Uhřínov ab, schalten in den leichtesten Gang und gewinnen langsam an Höhenmetern. Es geht zäh, deshalb stört uns auch die schlechte Asphaltqualität nicht. Wir erreichen Uhřínov, das letzte tschechische Dorf, das zum Protektorát gehörte. Wir steigen weiter. Wer ein gravel dabei hat, kann am Horizont bei dem blauen Tanklaster rechts zwischen den Weiden abbiegen, an der nächsten Kreuzung beim Golfplatz dann links – und unsere Wege treffen sich in Středolesí wieder. Hier verlief irgendwo die Grenze der Sudeten. Středolesí (auf Deutsch Mittelwald) war bereits dem Říši angeschlossen. Eine interessante Erinnerung an die Vergangenheit ist der ursprüngliche deutsche Friedhof. Zu ihm gelangen wir über einen kurzen Abstecher rechts hinter die Kirche – dort schließen sich auch diejenigen wieder an, die den Gravel-Abstecher gemacht haben.
Von Středolesí aus steigen wir noch ein paar Meter an. Wir fahren auf einen wunderschönen neuen Asphaltbelag. Hier empfehle ich, sich noch einmal umzudrehen. Von hier aus sind die Hostýnské vrchy oft sehr schön zu sehen. Wir fahren weiter oben entlang. Rechts auf der Wiese ragt ein kleiner Aussichtspunkt U jelena heraus, mit Aussichten auf die Oderské vrchy und die Jeseníky. Nach einer kurzen Abfahrt durch das Dorf Boškov gelangen wir rechts auf die Hauptstraße und kommen nach Potštát. Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier 3500 Einwohner, heute ist es nicht einmal ein Drittel davon. Wir fahren durch das Städtchen über den Bočkovo náměstí, an dessen südwestlicher Ecke die Kirche St. Bartholomäus steht. Ein Stück oberhalb des Platzes steht die Kirche Mariä Himmelfahrt. Sie ist von einem heutigen sowie einem deutschen Friedhof mit der Familiengruft der Walderode umgeben, des letzten Adelsgeschlechts, das Potštát verwaltete.
Die Verpflegungsmöglichkeiten sind hier begrenzt, aber ich empfehle, zumindest bei der Ankunft in der Stadt an der Tankstelle oder im kleinen Laden hinter dem Marktplatz Wasser nachzufüllen. Durch den Ortsteil Kovářov steigen wir allmählich zum militärischen Übungsplatz Libavá hinauf und folgen seiner Grenze. An der letzten Kreuzung nehmen wir die einzige erlaubte Richtung, nämlich rechts in das Dorf Luboměř pod Strážnou. Die Geschichte der Gemeinde, auf Deutsch Liebenthal, reicht bis ans Ende des 14. Jahrhunderts zurück. Vor dem 2. Weltkrieg lebten hier über 350 Einwohner, die meisten Deutsche. Diese wurden vertrieben, und die Gemeinde wurde in den militärischen Übungsplatz eingegliedert. Zum Glück ist sie nicht untergegangen und wurde 2016 als eigenständige Gemeinde wiederhergestellt.
Wir starten mit einer schnellen Abfahrt in das Dorf Lipná (deutsch Lindenau). Am oberen Ortsende fahren wir am vollständig aus Holz gebauten Kirche des Heiligen Johannes des Täufers vorbei. An der Hauptstraße biegen wir links bergauf ab und am Horizont erneut links in Richtung Luboměř und Spálov. Hier sind wir bereits im Naturpark Oderské vrchy. Wir fahren hinunter zur Spálovský mlýn über die sagenumwobene „oderská mlýnice“, die ihr vielleicht in Gegenrichtung vom Rennen Kola pro život kennt. Unten am Campingplatz können wir rechts über ein Brückchen zum Wallfahrtsort Panna Maria ve skále abbiegen und hier an der Quelle unsere Bidons auffüllen. In Klokočůvek gelangen wir auf den Radweg 503 und fahren entlang der Oder flach bis in die gleichnamige Stadt.
Wenn sich bei Ihnen Hunger oder Durst meldet, ist jetzt die letzte Gelegenheit, im örtlichen Penny Market oder in einem Bistro am Marktplatz noch etwas zu kaufen. Aber übertreiben Sie es nicht. Direkt aus Oder steigen wir 4 Kilometer zur Aussichtswarte in Veselí hinauf, von der aus es normalerweise schöne Ausblicke auf Poodří und die Beskydy gibt. Nach einer langen Abfahrt erreichen wir Hynčice und treten mit etwas schweren Beinen nach Lučice weiter. Nach Bělotín kommen wir entlang der Autobahn D48, und die Sudety überlassen wir für heute den Geschichtsbüchern. Hinter Bělotín biegen wir auf einen neuen Radweg Richtung Hranice ab und fahren dann weiter auf einer nicht ausgeschilderten Asphaltstraße entlang der Autobahn bis nach Velká. Ab jetzt läuft es wie von selbst. Wir fahren durch Drahotuše in den Ortsteil Rybáře, wo Sie für eine Stärkung in der sympathischen Stodola u Bečvy Halt machen können. Unsere Tour beenden wir mit dem Wechsel nach Lipník nad Bečvou über den Radweg Bečva. Ich hoffe, Sie haben sie genossen und weitere interessante Ecken von Česko kennengelernt.
Der Großteil der Strecke führt über Straßen niedrigerer Kategorien und Radwege. Die Runde ist bewusst so zusammengestellt, dass man auf schlechterem Asphalt eher bergauf fährt. Wenn du ein Gravelbike mit schmaleren Reifen hast, kannst du damit problemlos fahren. Ich fahre die Runde auf einem Endurance-Rennrad mit tubeless 28er-Reifen. Wer 100% Asphalt braucht, sollte den Abschnitt von Heřmánek nach Jakubčovic nad Odrou lieber auf der Straße fahren. Nach Lipník nad Bečvou kannst du mit dem Auto anreisen und entweder an der Brücke über die Bečva oder bei einem der vielen Supermärkte parken. Mit dem Zug kommst du nach Lipník von Přerov und Olomouc aus. Wer von Vsetín oder Ostravy anreisen möchte, dem empfehle ich derzeit (Sommer 2026) wegen der Bauarbeiten an der Bahn, in Hranicích auszusteigen und über den Radweg Bečva auf die Route zu gelangen.
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